Trügerischer Weihnachtsfrieden

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renateblaes

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11. Dezember 2010
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„Lilis Blutwerte sind nicht in Ordnung“. Den Telefonhörer in der Hand saß ich am Schreibtisch und spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. „Könnte ein Tumor sein“, fuhr die Tierärztin erbarmungslos fort, „Magen- oder Darmkrebs, den Symptomen nach.“ Lili, meine geliebte Lili ... Krebs ... mir schossen Tränen in die Augen.

„Na ja, es muss nicht unbedingt Krebs sein“, versuchte die Tierärztin ihre unbedacht dahin geworfenen Worte zu relativieren, „aber Sie sollten auf Nummer sicher gehen und Lili in die Tierklinik nach Weilheim bringen. Dort kann sie ausgiebig untersucht werden. Röntgen, Ultraschall und so weiter.“ Für diese Frau war so eine Situation nichts Besonderes. Alltag eben. Für mich aber war sie kein Alltag, sondern ein Albtraum. Mir war ganz schwummerig. „Ich faxe der Klinik die Laborwerte“, fügte sie hinzu und legte dann auf. Als besonders sensibel habe ich sie noch nie erlebt. Diese Eigenschaft verliert man möglicherweise bei so einem Job, und das ist vermutlich auch besser fürs Gemüt – fürs Gemüt der Ärztin. Nicht für meines.

Lili, mein anhängliches Schmusebäckchen, lag auf dem Schreibtisch, unter der Lampe. Diesen Platz liebt sie, ist so eine Art Höhensonne für Katzen. Ganz dünn war meine Kleine geworden, was kein Wunder war. Die letzten Tage hatte sie fast nichts gefressen, nur ihre Lieblingsschmankerl, Ziegenfrischkäse, Dosen-Thunfisch und gekochte Hähnchenbrust. Und auch das nicht in bemerkenswerten Mengen, sondern in homöopathischen Winzigkeiten. Also nicht geeignet, sich davon zu ernähren. Das war die eine Sache. Die andere Sache war, dass diese Appetitlosigkeit nun schon das zweite Mal innerhalb weniger Monate auftrat, und so was ist nicht normal. Eine Magenverstimmung hat jede Katze irgendwann mal, aber so ein regelmäßig auftretender Appetitverlust wie bei Lili – das fand die Tierärztin bedenklich. Aus diesem Grund wurde Lili Blut abgenommen, und nun das: „Könnte ein Tumor sein“. Ich spürte Zorn. Ich spürte Angst. Ich spürte Hilflosigkeit. Ich rief die Tierklinik an.

Es war Dienstagnachmittag so gegen drei Uhr – zwei Tage vor Weihnachten. Die bis eben noch vorhandene Weihnachtsstimmung war mir gründlich vergangen.

„Ist das Ihre Katze?“ Die Frau auf dem Stuhl neben mir drehte ihren Kopf in die Richtung, aus der verzweifeltes Kreischen ertönte.

„Wir werden versuchen, sie ohne Narkose zu röntgen“, hatte der Tierarzt gemeint, als er erfuhr, dass Lili vor ein paar Tagen schon in Narkose gelegen hatte. Es ist nämlich schier unmöglich, dieser Katze Blut abzunehmen. Sie benimmt sich wie eine Furie. Brüllt wie am Spieß, funktioniert ihre Krallen zu Skalpellen um und geht, nein, rast die Wände hoch. Und das ist wörtlich gemeint. Lili unsediert zu untersuchen, geschweige denn, ihr Blut abzunehmen, ist ein Unding. Trotzdem wurde jetzt versucht, sie zu röntgen – bei vollem Bewusstsein. Also mussten mindestens zwei Leute sie festhalten. Und sie kann es nicht leiden, festgehalten zu werden. Sie hasst es. Sie gerät außer sich. Ohne blutende Striemen an Armen und Händen und ohrenbetäubendes Geschrei verläuft so eine Untersuchung nie. War das also meine Katze, die so gotterbärmlich schrie?

„Ja.“

Tränen rollten über mein Gesicht und die Frau neben mir legte teilnahmsvoll ihre Hand auf meine Schulter.
„Sie hat vielleicht Krebs“, stieß ich mit tränenerstickter Stimme hervor und unterdrückte das Schluchzen, das in meiner Kehle hockte und mit Macht nach oben drängte. Die anderen Leute im Wartezimmer warfen mir auch mitleidige Blicke zu, was die Sache nur noch schlimmer machte. Ich stand auf, ging zum Klo und wusch mir mit kaltem Wasser das Gesicht. „Wenn sie Krebs hat, werde ich sie einschläfern lassen.“ Mit diesem Gedanken im Kopf ging ich wieder ins Wartezimmer – und wartete. Lili schrie nicht mehr.

„Es war unmöglich, sie zu röntgen“, sagte der Tierarzt. „Wir mussten sie in Narkose legen. Fahren Sie nach Hause, wir rufen Sie an. Es ist so oder so vernünftiger, wenn Ihre Katze heute Nacht hier bleibt ... zwei Vollnarkosen innerhalb so kurzer Zeit ... es ist besser, sie zu beobachten.“ Ohne Lili nach Hause fahren. Und weiter warten. Mein Herz tat weh. Angst schnürte mir den Hals zu. „Machen Sie sich keine Sorgen“, meinte der Arzt und tätschelte mir die Hand. Sein Mitgefühl tat gut, Sorgen machte ich mir trotzdem. Große Sorgen. Und wieder rollten Tränen über meine Wangen. Lili, meine heiß geliebte Lili. Wie sollte ich sie beerdigen, bei diesen Temperaturen. Fünfzehn Grad Minus, der Boden war tiefgefroren. Ich weiß, dass derart trübe Gedanken die Situation nicht unbedingt verbessern, aber mit den Gedanken ist es genau wie mit den Sorgen: sie entstehen nicht, weil man meint, es wäre an der Zeit, sich ein paar Sorgen zu machen – sie entstehen von ganz allein, aus der jeweiligen Gemütsverfassung heraus. Und die Verfassung meines Gemüts war schlecht. Auf dem Tiefpunkt, um es konkret auszudrücken.

Zuhause angekommen ließ ich mich aufs Sofa fallen und starrte auf die Uhr. Viertel vor sieben. „In zwei Stunden ungefähr wissen wir mehr“, hatte der Arzt gesagt. Eine Stunde erst war vorbei. Der Sekundenzeiger schlich im Kreis und war durch nichts zu bewegen, schneller zu laufen. Dem Schluchzen, das ich bisher erfolgreich unterdrückt hatte, ließ ich nun freien Lauf.

Das Telefon klingelte. Endlich. Mit klopfendem Herzen nahm ich den Hörer ab. Es war aber nicht der Arzt, sondern eine Freundin, die wissen wollte, wie es um Lili stand. Ich sagte es ihr und legte wieder auf. Felix lag neben meinen Beinen und schien zu spüren, dass es mir nicht gut ging. Aufmerksam schaute er mich immer wieder an. Nach einer Weile erhob er sich und legte sich auf meinen Schoß. Das macht er sonst nie. Ich vergrub meine Hand in seinem Fell. Er schnurrte und leckte mir zärtlich die Finger ab, so, als wolle er mich trösten und mir Mut zureden.

Um Viertel vor acht klingelte das Telefon wieder. Dieses Mal war der Arzt dran. „Nur eine Magenschleimhautentzündung“, sagte er, „morgen Vormittag können Sie Ihre Katze abholen.“
Weihnachten verbrachte ich bei Plätzchen, Glühwein und Kerzenlicht und in prächtiger Stimmung. Nichts ahnend, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm sein sollte.

Das war (und ist) eine Geschichte aus meinem neuen Katzenbuch "Auf Samtpfoten direkt in mein Herz".

http://www.diekunterbuntekatzenseite.de/blog
 
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