Zahnfleischentzündung - FORL?

Warnhinweis bei medizinischen Ratschlägen

Achtung: Bei medizinischen Problemen sollte stets die Meinung eines niedergelassenen Tierarztes oder einer Tierklinik eingeholt werden.
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FrauFreitag

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  • #21
Unter anderem deshalb habe ich bei "meiner" Tierärztin nach der Möglichkeit von Dentalröntgen gefragt. Und als sie meinte, man könne es mal mit ihrem "normalen" Röntgenapparat versuchen, dann beschlossen, jemand anderen zu suchen.

Das ist totaler Murks.
Warum?

Siehe Rückert:
"Die Tierarztpraxis, die sich um die Zahnprobleme Ihrer Katze kümmern soll, MUSS verpflichtend ein Dentalröntgengerät haben und auch anwenden. Jede zweite Katze über fünf Jahren leidet (und zwar so richtig!) an FORL (Feline Odontoklastische Resorptivläsionen). Die durch FORL verursachten und extrem schmerzhaften Zahnschäden können in den meisten Fällen nur durch Zahnröntgen sicher nachgewiesen werden. Deshalb macht es einfach keinen Sinn, eine Praxis mit der Mundhöhlensanierung Ihrer Katze zu beauftragen, die nicht über diese Technik verfügt. Wenn Ihnen nach der Zahnsanierung Ihrer Katze nicht anhand einer Serie von Röntgenbildern erläutert wird, warum dieser oder jener Zahn entfernt wurde, haben Sie letztendlich nur gutes Geld verbrannt, können sich aber nicht sicher sein, dass Ihre Katze nicht immer noch anhaltende Zahnschmerzen hat. Ich weiß, das klingt hart und durch die ständige Wiederholung vielleicht auch eintönig, aber ich sehe nicht ein, dass ich um den heißen Brei feststehender Tatsachen herumreden soll. Sie werden mir einfach glauben müssen, dass wir oft genug Katzen auf dem Zahnbehandlungstisch liegen haben, bei deren Zahnstatus-Erhebung noch alles ganz ordentlich aussieht, man aber bei der Betrachtung der Röntgenbilder glatt vom Glauben abfällt, weil sich unter der Zahnfleischoberfläche, an den Zahnwurzeln, wahre und schmerzhafte Dramen abspielen."
 
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FrauFreitag

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  • #22
Was soll für eine Antibiose hinsichtlich Mykoplasmen erfolgen?
Und - warum gibt es jetzt Baytril?
Baytril ist veraltet. Es ist zwar prinzipiell nicht verkehrt nach Zahnsanierungen, ABER - es gibt bereits direkte Nachfolger in derselben Wirkstoffgruppe, die direkte Verwandte sind, darauf aufbauen - Marbofloxacin und Pradofloxacin. Beide haben ein jeweils im Vergleich zum Vorgänger erweitertes Wirkspektrum sowie eine bessere Resistenzlage - und darüber hinaus NICHT die Gefahr einer seltenen, aber dennoch möglichen Nebenwirkungen, einer katzenspezifischen, die Baytril birgt: die einer Netzhautablösung (= Katze blind).

Deshalb hatte man mir schon vor Jahren an der LMU in München gesagt, dass man Baytril gar nicht mehr einsetzt bei Katzen. Das deckt sich mit den Empfehlungen anderer Tierärzte - Baytril ist alles andere als "so spezifisch" von seinem Wirkspektrum her als dass man nicht ein anderes Präparat wählen könnte. Ja, die Wahrscheinlichkeit einer Retinadegeneration liegt bei 0,xx % - dennoch, es gab hier im Bord schon eine Katze, die betroffen war.

Hier ein Vergleich von Pradofloxacin und Enrofloxacin - Enro scheint auch im weiteren Vergleich außerhalb der Möglichkeit der Retinadegeneration einige "Defizite" aufzuweisen:
https://iovs.arvojournals.org/article.a ... id=2382849

Das steht im übrigen auch hier nochmals - eine Übersicht wissenschaftlicher Quellen und Studien zum Thema Prado:
https://www.sciencedirect.com/topics/ag ... dofloxacin
"Fluoroquinolone-associated retinal degeneration in cats is dose dependent and species specific. Cats are deficient in the ATP-binding cassette subfamily G member 2 (ABCG2) protein encoded by the ABCG2 gene. The ABCG2 protein functions as part of the blood-retinal barrier, preventing xenobiotics, including the photosensitive fluoroquinolones, from entering the retina.20 Cats treated with high doses or moderate overdoses of a fluoroquinolone are at risk for retinal degeneration and blindness. To minimize retinal toxicity in cats, clinicians may preferentially use marbofloxacin or pradofloxacin instead of enrofloxacin." Katrina R. Viviano, "Practical Antimicrobial Therapy"

Oder hier: https://www.spcai.org/get-involved/learn/animal-advice/baytril-blindness-and-your-cat/
"While the risk of irreversible retinal degeneration and subsequent blindness is estimated to be 1 out of 122,414 cats treated with Baytril, there are other options to consider. First, if antibiotic therapy is needed, a different antibiotic should be chosen unless the situation is so severe that only enrofloxacin would be indicated."

Hier sieht man die Weiterentwicklung von Enro über Marbo zu Prado:
https://www.veraflox.com/en/about-veraf ... -spectrum/

Es gibt auf Pubmed zig Studien, deren Abstracts nachzulesen sind, die bei diversen Einzelerkrankungen eine bessere Wirksamkeit von Pradofloxacin bewiesen haben im Vergleich.

Im übrigen: Mit Pradofloxacin beispielsweise ("Veraflox") könntet Ihr sehr wahrscheinlich auch die Mykoplasmen angehen. Es ist zwar Breitband, wirkt in vivo sicherlich nicht in 100% der Fälle gegen Mykoplasmen, ist aber immerhin noch in der engeren Gruppe der Antibiotika der Wahl, insofern wäre es doch schön, wenn man sich eine weitere Mykoplasmen-Antibiose schenken könnte danach und das gleich parallel angehen könnte bzw. den Versuch starten, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Vier Wochen Antibiose bei Mykoplasmen sind im übrigen meines Erachtens nach Minimum. Bei Hartmann findet sich die Empfehlung 3-8 Wochen, hartnäckige Mykoplasmeninfektionen können auch schon mal länger dauern.

ABER: Es ist bei Mykoplasmen umstritten, ob sie nicht eben auch zur Rachenflora gesunder Tiere gehören können bzw. man hat sie auch schon bei Katzen OHNE jegliche Symptomatik dort nachweisen können. Insofern würde ICH ein Tier hier nur behandeln (siehe Zweitkatze), wenn eine entsprechende Symptomatik vorliegt.
 
Catbert

Catbert

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  • #23
Frau Freitag - vielen Dank für deine ausführlichen Informationen. Ich habe nochmal nachgefragt und auch gegoogelt.

Das Baytril wird genommen, um die vorhandene Zahnfleischentzündung zu bekämpfen, Entzündungen nach der OP zu vermeiden und gleichzeitig Mykoplasmen zu bekämpfen, das ist also bereits die Antibiose.

CPT:
Baytril flavour (Enro) bei bakteriellen Einzel- und Mischinfektionen sowie Mykoplasmosen der Atmungs- und Verdauungsorgane, der Harnwege, der Haut sowie von Wunden.
Veriflox (Prado) zur Behandlung von akuten Infektionen der oberen Atemwege, verursacht durch empfindliche Stämme von Pasteurella multocida, Escherichia coli und der Staphylococcus intermedius-Gruppe (einschliesslich S. pseudintermedius)

So, wie ich das verstanden habe, soll Veriflox sehr spezifisch eingesetzt werden (vermutlich nach Antibiogramm), ansonsten als Zweitlinien-AB (u.a. wohl auch wegen hoher Resistenzbildung).

Ich bin mir der Problematik von Baytril bewusst und kann nur hoffen, dass Boots nicht Nr. 122 ist :(

Bezüglich Dentalröntgen gebe ich Dir absolut Recht, deshalb war ich ja auch einigermaßen geplättet von der Idee der (regulären) Tierärztin, ein normales Röntgenbild machen zu wollen und habe sofort entschieden, jemand anderen zu suchen.
 
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FrauFreitag

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  • #24
Frau Freitag - vielen Dank für deine ausführlichen Informationen. Ich habe nochmal nachgefragt und auch gegoogelt.

Das Baytril wird genommen, um die vorhandene Zahnfleischentzündung zu bekämpfen, Entzündungen nach der OP zu vermeiden und gleichzeitig Mykoplasmen zu bekämpfen, das ist also bereits die Antibiose.

CPT:
Baytril flavour (Enro) bei bakteriellen Einzel- und Mischinfektionen sowie Mykoplasmosen der Atmungs- und Verdauungsorgane, der Harnwege, der Haut sowie von Wunden.
Veriflox (Prado) zur Behandlung von akuten Infektionen der oberen Atemwege, verursacht durch empfindliche Stämme von Pasteurella multocida, Escherichia coli und der Staphylococcus intermedius-Gruppe (einschliesslich S. pseudintermedius)

So, wie ich das verstanden habe, soll Veriflox sehr spezifisch eingesetzt werden (vermutlich nach Antibiogramm), ansonsten als Zweitlinien-AB (u.a. wohl auch wegen hoher Resistenzbildung).

Ich bin mir der Problematik von Baytril bewusst und kann nur hoffen, dass Boots nicht Nr. 122 ist :(

Bezüglich Dentalröntgen gebe ich Dir absolut Recht, deshalb war ich ja auch einigermaßen geplättet von der Idee der (regulären) Tierärztin, ein normales Röntgenbild machen zu wollen und habe sofort entschieden, jemand anderen zu suchen.

Die Anwendungsempfehlungen der ABs sind nicht entscheidend. Entscheidend ist: gegen WAS für welche Bakterien wirkt ein AB? Was ist dessen Wirkspektrum? Bei Convenia z.B. steht meist etwas von dermatologischen Kisten - warum? Weil Convenia als Beta-Laktam-AB stark auf der grampositiven Bakterienseite wirkt und für dermatologische Kisten meist grampositive Bakterien in Frage kommen, Kokken usw..

Veraflox umfasst alle Erreger, gegen die auch Baytril (Enrofloxacin) als auch Marbocyl (Marbofloxacin) wirken. Insofern ist es dafür genauso gut, wenn nicht besser geeignet - im Hinblick auf die Zahnnachsorge.
Marbo ist im Prinzip ein gepimptes Enro, Prado ist ein gepimptes Marbo, vereinfacht gesagt - siehe hier:
https://www.veraflox.com/en/about-veraflox/microbiology/antibacterial-spectrum/
Sprich: Es gibt Bakterien, gegen die Prado wirkt, Enro aber nicht, Marbo vielleicht auch nicht. Und Prado hat im Vergleich zu Enro und Marbo, Marbo im Vergleich zu Enro jeweils eine bessere/höhere Wirkwahrscheinlichkeit bei diversen Bakterien.

Prinzipiell geben die meisten Tierärzte, unter anderem mein Zahntierarzt, ohnehin ein anderes Präparat zur Nachsorge bei Zahn-Ops, ein Beta-Laktam-AB meist, Amoxicillin mit Clavulansäure oder seltener Convenia, das eigentlich zu vermeiden wäre wegen der langen Verweildauer im Körper, der daraus resultierenden Gefahr bei Unverträglichkeiten (Tod) und darüber hinaus wegen der Resistenzlage in der Humanmedizin.

Was Enro-, Marbo- und Pradofloxacin angeht: Die Antibioserichtlinien, die neuen, umfassen eben NICHT nur Pradofloxacin, das nur noch nach vorheriger Bestimmung des Erregers gegeben werden soll, sondern ALLE Fluorchinolone sowie Cephalosporine ab der 3. Generation. Diese sind enorm wichtig für den Menschen, die Resistenzlage wird immer schlechter usw.. Hier ist aber wichtig: Wenn Deine Ärztin Enro gibt, dann kann sie auch Prado geben. Prinzipiell dürfte sie BEIDES bzw. alle drei Präparate nur noch nach vorheriger Erregerbestimmung geben - siehe hier, § 12c:
https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/star...*[@attr_id='bgbl118s0213.pdf']__1536838856089

Ich sehe hier folgende Punkte:
1.) ist Enro nicht Mittel der 1. Wahl bei der zahntierärztlichen Nachsorge bei OPs
2.) Enro-Risiko, wenn auch geringes, hinsichtlich Retinadegeneration
3.) prinzipiell viel höhrere Wirkwahrscheinlichkeit jüngerer Fluorchinolone (Marbo, Prado) im Vergleich zu Enro, und zwar egal, um welches Bakterium es sich handelt, das man potentiell im Blick hat
4.) EIGENTLICH hätte die Tierärztin überhaupt kein Fluorchinolon rausrücken dürfen, ergo kann sie auch Prado geben, wenn sie schon Enro gibt
5.) Prado deckt Mykoplasmen mit ab, Enro theoretisch auch, ist aber alles alles andere als 1., 2., 3., 5. Wahl dagegen - hier hat man sehr viel bessere Chancen mit Prado.
6.) Warum ZWEI Antibiosen hintereinander schalten, einmal jetzt Enro und dann nochmal was anderes, wenn in der laufenden Antibiose auch auf Prado umgestellt werden könnte (weil eben eng verwandt mit Enro) UND man damit eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit hat, die Mykoplasmen mit zu erwischen?
 
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