Kreuzbandriss bei Katze (11j) - ein Bericht

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Achtung: Bei medizinischen Problemen sollte stets die Meinung eines niedergelassenen Tierarztes oder einer Tierklinik eingeholt werden.
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Katzist

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12. Oktober 2021
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Hallo,

im letzten Jahr hatte sich meine Katze das Kreuzband gerissen. Damals hatte ich in meiner Verzweiflung nach Erfahrungsberichten gesucht und entweder kaum hilfreiche, oder nur gruselige Berichte gefunden. Die Suche nach "Kreuzbandriss Katze" führt frustrierenderweise häufig zu Erfahrungsberichten mit Hunden.

Die Geschichte um den Kreuzbandriss meiner Katze ist wahrscheinlich außergewöhnlich. Es sagt vielleicht auch etwas über Katzen aus, was man wohl nicht vermutet. Deswegen habe ich mich dazu entschieden, hier meine Erfahrungen niederzuschreiben.



Ich habe 3 Katzen, zwei geboren im Jahr 2009, eine im Jahr 2011. Sie sind ihr gesamtes Leben lang Freigänger, jagen fleißig und sind es auch gewohnt, rund um die Uhr ins Freie pirschen zu können. Eine ist eine reinrassige Angora-Katze, die anderen beiden "normale Hauskatzen".
Die Angora hatte eines Tages mal Pech...

Letztes Jahr im September kam ich nachhause, und jene Angora-Katze humpelte stark. Humpeln bedeutet: sie setzte ihren Hinterlauf gar nicht mehr auf. Die Katze lief dreibeinig. Das fand ich sowohl niedlich, als auch traurig. "ba-ding, ba-ding, ba-ding" war von nun an der Klang ihres Ganges.
Ich habe erst nach Fremdkörpern gesucht und gewartet, ob sich das wieder legt. Nach einer Woche allerdings brachte ich sie zum Tierarzt.

Der stellte einen Kreuzbandriss fest. Er erklärte mir, dass es zwei Möglichkeiten gäbe: entweder man machte nichts. Dann dauert es zwei Monate und das Knie stabilisierte sich wieder einigermaßen. Das Bein würde aber nie mehr so gut funktionieren, wie vorher, und es gäbe aufgrund der Fehlbelastung die Gefahr von Arthrose.
Oder man führte eine "Kapselstraffung" vor.
Hiernach müsste ich die Katze, laut Tierarzt, 6-8 Wochen stark einschränken: sie dürfte weder springen, noch rennen. Mein Tierarzt bedrängte mich nahezu, die Katze in einen Käfig zu sperren. Mindestens 6 Wochen, meinte er. Er ließ sich auf mindestens 3 Wochen herunterhandeln. Ich aber nicht.
Käfighaltung kam für mich nicht in Frage. Ich würde das Vertrauen meiner Katze in mir brechen, wenn ich sie in einen Käfig sperren würde; sie würde ja nicht verstehen, warum.

Da ich im Jahre 1 nach Corona ohnehin nur zuhause war (75m²), entschied ich für einen riskanteren Weg: keine Käfighaltung, aber Wohnungshaltung. Dazu werden alle Kratzbäume weggestellt und die Katzenklappen zugeschlossen. Die anderen beiden müssten dann lernen, zu miauen, wenn sie rein- oder rauswollen. So bliebe es dann, bis die Angora-Katze wieder laufen könnte. Mein Tierarzt meinte, dass das funktionieren könnte, jedoch könnte ein einzelner Sprung schon zum abermaligen Riss führen.

Ich ließ die Katze operieren und stellte zwischenzeitlich die Wohnung um. Ein rechteckiges Kissen sollte ihr eine Stufe bieten, um auf die von ihr geliebte Couch zu kommen. So war bald die höchste Höhe, die sie realistischerweise hätte springen wollen, 30 cm.

Die OP war am ersten Oktober und verlief gut. Sie kostete ca. 800€.
Als die Angora zuhause war, reagierten alle Katzen irritiert darüber, dass plötzlich die Katzenklappen dicht waren.

Nun der Heilungsverlauf:

Oktober...
Die Angora-Katze hinkte mir jedes mal, wenn ich Richtung Katzenklappe lief, hinterher und hielt mir vor der Tür Miau-Arien. Dabei entfachte sie ein sirenenartiges Gesangstalent, dass man in den vorherigen 10 Jahren bloß hätte erahnen können (sie arbeitete vorher eher mit Blicken).

Eine andere Katze wolle zuerst, dass ich ihr alle paar Minuten die Katzenklappe aufmache (wahrscheinlich wollte sie dadurch, dass ich sie dauerhaft auflasse). Ich habe es dann einfach so geregelt, dass ich sie Morgens raus ließ und Abends rein, ansonsten konnte sie miauen, wie sie wolle - draußen stand Trockenfutter. Das hat sie irgendwann auch verstanden. (Draußen gibt es noch Katzenhütten usw.)

Katze 3 tat komischerweise auch so, als wäre sie auch krank (?). Sie wollte nicht mehr raus und lag nur noch herum.
Natürlich habe ich versucht, der Angora-Katze den Aufenthalt erträglicher zu machen, indem ich ihr sehr viel Aufmerksam gab. Das fand sie auch toll. Wahrscheinlich hat Katze 3 deswegen so getan, als wäre sie sogar kränker.

Das Gebettel der Angora-Katze steigerte sich aber mit fast jedem Tag. Oh nein, welch Leid, dass die Türe zu ist! Welch Unglück, oh weh, das zarte Seelchen verkümmert doch so schnell.

Ansonsten schien sie sich an die neue Situation langsam zu gewöhnen. Man merkte der Katze an, dass sie Schmerzen hatte. Selbstverständlich irritierte sie auch die dicke Narbe an ihrem mittlerweile nacktem Hinterbein. Trotzdem verhielt sich die Katze sehr gut und leckte nicht zu sehr an der Narbe herum.

Das rechteckige Kissen auf die Couch benutzte sie auch. Einmal jedoch meinte sie, über die Stufe hinweg zu springen. Das tat ihr aber sichtlich weh, deswegen versuchte sie das nur einmal.
Ohnehin war die Katze klüger, als der Tierarzt gedacht hatte: sie schien sich selbst darüber bewusst zu sein, dass ihr Knie keine Belastungen schmerzfrei ertragen könnte; daher schonte sie sich von selbst. (!)

Da die Katze es jeden Tag mehrmals versuchte, mich zum Klappeöffnen zu erschmeicheln und mein Potential an Grausamkeit nun einmal beschränkt ist, entschied ich mich dazu, sie nach genau einem Monat wieder herauszulassen. Ich dachte: vielleicht reicht dann ihre Erfahrung mit dem Laufen dazu, dass sie es draußen nicht zu doll treibt.
Da sie am ersten Oktober operiert worden war, setzte ich die Klappenöffnung auf dem ersten November fest.

November...
An genau jedem ersten November standen wir beide mal wieder vor der Tür mit der Katzenklappe. Sie miaute mal wieder mit Zuckerglasur. Sie hatte immer noch ein nacktes Bein mit einer dicken Narbe, außerdem lief sie nur normal, wenn sie wenig lief; je mehr Schritte sie machte, umso mehr schlich sich das Humpeln wieder ein. Auf der anderen Seite jedoch hatte sich sie Katze freiwillig mit dem Laufen zurückgehalten. Für mich war das jetzt eine Vertrauensfrage.

Klack- Ich schloss die Katzenklappe auf. Plötzlich verstummte die Katze. Sie starrte auf die geöffnete Katzenklappe wie auf eine Heiligen-Erscheinung. Dann ging sie hinaus. Ich dachte mir, während sie davonschlich: lern dich angemessen zu beschränken - oder du bist selber schuld.

Die Katze kam nach einer Viertelstunde wieder rein und kam mit nur leichten Knickebein wieder zurück. Danach wollte sie freiwillig nicht mehr raus (!). Vielleicht lag es daran, dass es mittlerweile sehr kalt geworden war und ihr Bein nicht nur wegen der Knieverletzung weh tat, sondern draußen auch noch frierte. Vielleicht war es ihr wegen der Tür ja nur ums "Prinzip" gegangen. Es gab jedenfalls im Monat November kaum etwas uninteressanteres als die Katzenklappe. Gegen Ende November machte sie jeden Morgen einen ca. zehnminütigen Spaziergang. Ansonsten war ihr das Freiluft-Territorium offensichtlich schnuppe.

Nach zwei Monaten war die Narbe vollständig verheilt, Fell war drübergewachsen, die Katze lief wieder normal! Sie hatten dann auch wieder mehr Lust auf "draußen".

Nun, ein Jahr später, ist es nur noch eine Erinnerung, dass sie überhaupt mal ein verletztes Knie hatte. Sie läuft normal, jagt wieder Mäuse und Bälle, und ist kerngesund.

So, nun das Fazit nach: a) OP Kapselstraffung und b) einen Monat Wohnungshaltung mit maximal 30cm Springhöhe, c) einem weiteren Monat "Rekonvaleszenz auf Vertrauensbasis":

Man kann Katzen mehr Intelligenz zutrauen. Sie versuchen von sich aus, Schmerzen zu vermeiden. Wenn ihnen beim Laufen und Springen das Knie weh tut, werden sie das nicht mehr machen wollen. Dennoch ist dieser Weg riskant. Ich halte Käfighaltung für Katzen aber für übertrieben. Ein Leben - insbesondere Tierleben - ist nur in beschränktem Maße kontrollierbar.

Ich hoffe, dieser Bericht hilft Katzenhaltern, die vor einem ähnlichen Problem stehen. Ich hoffe auch, dass es verletzte Katzen vor der Käfighaltung bewahrt. Katzen schonen sich von selbst. Der theoretische Fall "Hund taucht auf und Katze erschreckt sich" kann eintreffen. Aber Risiko gehört dazu.
Das fand ich einfach wichtig.
 
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